Christian Fürchtegott Gellert (1715 bis 1769)



Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden
Und klagte dem Philet sein Leid.
"Herr," sprach er, "leiht mir hundert Gulden.
Allein zu eurer Sicherheit
Hab' ich kein ander Pfand, als meine Redlichkeit;
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr."

Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zählt ihm das Geld mit Freuden dar.
"Hier," spricht er, "nimm es hin und brauch' es ohne Sorgen;
Ich freue mich, daß ich dir dienen kann.
Du bist ein ordentlicher Mann;
Dem muß man ohne Handschrift borgen."

Ein Jahr und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer läßt sich wieder sehen.
Wie? Sollt' er wohl Phileten hintergehen
Und ein Betrüger sein? Vielleicht.
Doch nein! Hier kommt der Schiffer gleich.
"Herr," fängt er an, "erfreut euch,
Ich bin aus allen meinen Schulden;
Und seh't, hier sind zweihundert Gulden,
Die ich durch euer Geld gewann.
Ich bitt' euch herzlich, nehmt sie an;
Ihr seid ein gar zu wack'rer Mann."
"O!" spricht Philet, "ich kann mich nicht besinnen,
Daß ich dir jemals Geld gelieh'n.
Hier ist mein Rechnungsbuch, ich will's zu Rate zieh'n;
Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen."

Der Schiffer sieht ihn an und schweigt betroffen still,
Und kränkt sich, daß Philet das Geld nicht nehmen will;
Er läuft und kommt mit voller Hand zurück:
"Hier," spricht er, ist der Rest von meinem ganzen Glücke,
Noch hundert Gulden; nehmt sie hin
Und laßt mit nur das Lob, daß ich erkenntlich bin.
Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden,
Und dieses Glück verdank' ich euch allein.
Herr, wollt ihr ja recht gütig sein,
So leiht mir wieder fünfzig Gulden."

"Hier," spricht Philet, "hier ist dein Geld,
Behalte deinen ganzen Segen.
Ein Mann, der Treu' und Glauben hält,
Verdient ihn seiner Treue wegen.
Sei du mein Freund! Das Geld ist dein;
Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,
Und diese sollen deinen Kindern sein."


Der Arme und das Glück

Ein armer Mann, verseh'n zum Graben,
Wollt' jetzt ein besser Schicksal haben,
Und rief das Glück um Beistand an.
Das Glück erhörte sein Verlangen:
Er fand, indem er grub, zwei starke gold'ne Stangen;
Allein der ungeschickte Mann
Sah sie für altes Messing an,
Und gab für wenig Geld den Reichtum aus den Händen,
Fuhr fort und bat das Glück, doch mehr ihm zuzuwenden.
"O Tor!" rief ihm die Gottheit zu,
"Was quälst du mich, dich zu beglücken?
Wer wäre reicher jetzt als du,
Wenn du gewußt, dich in dein Glück zu schicken?"


Der Informator

Ein Bauer, der viel Geld und nur zwei Söhne hatte,
Nahm einen Informator an.
"Ich," sprach er, "und mein Ehegatte,
Wir übergeben Ihm, als einen wackern Mann,
Was uns am Liebsten ist. Leit' Er sie treulich an.
Er sieht', es sind zwei munt're Knaben,
Und freilich wird Er Mühe haben;
Jedoch ich will erkenntlich sein.
Ich halte viel auf's Rechnen und auf's Schreiben;
Das lass' Er sie recht fleißig treiben,
Und präg' Er ihnen ja das Christentum wohl ein!
Ich kann's ihm nicht so recht beschreiben;
Allein Er wird mich wohl versteh'n,
Ich möchte sie gern klug und ehrlich seh'n;
Das macht bei aller Welt gelitten,
Und ist vor Gott im Himmel schön.
Erfüll' Er also meine Bitten!
Hier geb' ich Ihm zwei Stübchen ein,
Und was Er braucht, das soll zu Seinen Diensten sein."
Der Lehrer fand ein Herz bei seinen Bauernknaben,
Wie hundert Junker es nicht haben.
Ein braver Mann, geschickt im Unterrichten,
Erfüllt' er redlich seine Pflichten,
Und das gefiel dem Vater sehr.
Er hielt ihn ungemein in Ehren,
Kam oft, den Kindern zuzuhören,
Weil es die Pflicht der Väter wär'.

Nun war ein Jahr vorbei. "Herr," sprach der gute Bauer,
"Was soll für Seine Mühe sein?"

"Ich ford're dreißig Taler." - "Nein,
Nein!" fiel der Alte hitzig ein,
"Sein Informatordienst ist sauer.
So kriegte ja der Großknecht, der mir pflügt,
Beinah so viel, als der Gelehrte kriegt,
Der das besorgt, was mir am Herzen liegt.
Die Kinder nützen Ihn ja für ihr ganzes Leben.
Nein, lieber Herr, das geht nicht an;
So wenig gibt kein reicher Mann.
Ich will Ihm mehr, ich will Ihm hundert Taler geben,
Und mich von Herzen gern versteh'n,
Ihm jährlich diesen Lohn ansehnlich zu erhöh'n.
Gesetzt, ich müßt' ein Gut verpfänden;
Auch das! Ist's denn ein Bubenstück?
Viel besser, ich verpfänd's zu meiner Kinder Glück,
Als daß sie's reich und lasterhaft, verschwenden."