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Gedichte von Anastasius Grün (Anton Alexander
Graf von Auersperg, 1808 bis 1876 )
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Die Martinswand, Ostermontag 1490
Willkommen, Tirolerherzen, die ihr so bieder schlagt!
Willkommen, Tirolergletscher, die ihr den Himmel tragt!
Ihr Wohnungen der Treue, ihr Täler voller Duft,
Willkommen, Quellen und Triften, Freiheit und Bergesluft! -
Wer ist der kecke Schütze im grünen Jagdgewand,
Den Gemsbart auf dem Hütlein, die Armbrust in der Hand,
Des Aug' so flammend glühet, wie hoher Königsblick,
Des Herz so still sich freuet an kühnem Jägerglück?
Das ist der Max von Habsburg auf luft'ger Gemsenjagd;
Seht ihn auf Felsen schweben, wo's kaum die Gemse wagt!
Der schwingt sich auf und klettert in pfeilbeschwingtem Lauf,
Hei, wie das geht so lustig durch Kluft und Wand hinauf!
Jetzt über Steingerölle, jetzt über tiefe Gruft,
Jetzt kriechend hart am Boden, jetzt fliegend durch die Luft!
Und jetzt? - Halt ein, nicht weiter! jetzt ist er festgebannt,
Kluft vor ihm, Kluft zu Seite, und oben jähe Wand!
Der Aar, der sich schwingt zur Sonne, hält hier die erste Rast,
Des Fittichs Kraft ist gebrochen und Schwindel hat ihn erfaßt.
Wollt' einer von hier zum Tale hinab ein Stieglein bau'n,
Müßt' traun ganz Tirol und Steyer die Steine dazu behau'n.
Wohl hat die Amm' einst Maxen erzählt von der Martinswand,
Daß schon beim leisen Gedanken das Aug' in Nebeln schwand.
Und ob sie wahr erzählte, ersehn nun kann er's hier;
Daß er's nicht weiter plaud're, gesorgt ist schon dafür.
Da steht der Kaisersprosse, Fels ist sein Throngezelt,
Sein Zepter Moosgeflechte, an das er schwindelnd sich hält;
Auch ist eine Aussicht droben, so weit und wunderschön,
Daß ihm vor lauter Schauen die Sinne fast vergehn.
Tief unten lag das Inntal, ein Teppich lustig grün,
Wie Fäden durch's Gewebe, ziehn Straß' und Strom dahin.
Die Bergkolosse liegen rings eingeschrumpft zu Hauf
Und schaun, ein Friedhof voll Hügel, zu Maxen mahnend auf.
Jetzt stößt er hilferufend mit Macht hinein in's Horn,
Daß es in Lüften gellet, als dröhnte Gewitterzorn.
Ein Teufelchen, das kichert im nahen Felsenspalt;
Denn nicht zu Tale dringet des Hilferufs Gewalt.
In's Horn nun stößt er wieder, daß es fast platzend bricht;
Ho, ho, nicht so gelärmet, da hilft das Schreien nicht!
Denn liebte ihn sein Volk nicht, was er auch bieten mag,
Herr Max, er bliebe sitzen bis an den jüngsten Tag!
Was nicht das Ohr vernommen, das hat das Aug' gesehn;
Die unten sahn ihn schweben auf pfadlos steilen Höhn,
Gebet und Glocken rufen für ihn zum Himmelsdom,
Von Kirch' zu Kirche wallfahrt der bang Menschenstrom.
Jetzt an dem Fuß des Felsens erscheint ein bunter Chor,
Ein Priester inmitten, weisend das Sakrament empor.
Max sieht nur das bunte Wimmeln auf ferner Talesflur,
Er sieht das blitzende Glänzen der Goldmonstranze nur.
"Fahr wohl nun, Welt und Leben! schwer fällt der Abschied mir!
O unerforschlich Wesen, du winkst, ich folge dir!
Ich schien ein Baum voll Blüten, - der Blitz hat ihn erschlagen, -
Ach gerne hätt' er früher noch süße Frucht getragen!
Ich schien ein Bauherr, türmend den Dom zu deinem Ruhm, -
Nicht durft' er ganz vollenden der Liebe Heiligtum!
Ein Priester, plötzlich stürzend tot an des Altars Stufen,
Er hätte gern erst Segen noch über's Volk gerufen!
So mag dies Herz denn brechen, voll Lieb' und Segen voll!
So modre nun, mein Busen, der tatenschwanger schwoll!
Verwelke, Hand, denn nimmer krönt deine Müh' Gedeihn!
Nur Gottes bester Engel kann hier mein Retter sein!"
Er spricht's und hebt zum Himmel nun Angesicht und Arm,
Und in die Kniee sinkt er und betet still und warm.
Da klopft's auf seine Schulter; er fährt erschreckt empor.
"Komm' heim, du bist gerettet!" so ruft es an sein Ohr.
Und einen Bergmann sieht er froh lächelnd vor sich stehn,
Der fasset ihn beim Arme und winkt ihm fürder zu gehn;
Mit Leitern, Stahl und Seilen wird kühn ein Pfad gebahnt,
Wo Maxens Fußtritt strauchelt, stützt ihn des Retters Hand.
Der lädt ihn auf den Rücken, wo Klüfte schwindelnd drohn;
Wohl sind der Treue Schultern des Fürsten bester Thron!
Rasch geht's zu Tal, wo jauchzend Tirol empfängt die Zwei,
Kein Spötter kann belächeln die selt'ne Reiterei.
Wohl kündet uns die Sage aus grauer Ahnenzeit
Von einem Himmelsboten, der schützend ihn befreit.
Ja wohl, ein Engel war es, ein Schutzgeist stark und kühn,
Des treuen Volkes Liebe, so nennt zu deutsch man ihn.
Ein Kreuz auf hohem Felsen blickt nieder in das Land
Und zeigt den Ort, wo bebend einst Habsburgs Sprosse stand;
Noch lebt die edle Kunde und jubelt himmelwärts
Aus manches Sängers Munde, aus aller Tiroler Herz.
von Anastasius Grün
Anastasius Grün
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