Christian Friedrich Hebbel (1813 bis 1863)



Auf ein schlummerndes Kind

Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe,
Wenn ich im Traum dich lächeln sehe,
Wenn du erglühst so wunderbar,
Da ahne ich mit süßem Grauen:
Dürft' ich in deine Träume schauen,
So wär' mir alles, alles klar!

Dir ist die Erde noch verschlossen,
Du hast noch keine Lust genossen,
Noch ist kein Glück, was du empfingst;
Wie könntest du so süß den träumen,
Wenn du nicht noch in jenen Räumen,
Woher du kamest, dich ergingst?


Das alte Haus

Der Maurer schreitet frisch heraus,
Er soll dich niederbrechen;
Da ist es mir, du altes Haus,
Als hörte ich dich sprechen:
"Wie magst du mich, das lange Jahr'
Der Lieb' und Eintracht Tempel war,
Wie magst du mich zerstören?

Dein Ahnherr hat mich einst erbaut
Und unter frommen Beten
Mit seiner schönen stillen Braut
Mich dann zuerst betreten.
Ich weiß um alles wohl Bescheid,
Und jede Lust, um jedes Leid,
Was ihnen widerfahren.

Dein Vater ward geboren hier
In der gebräunten Stube,
Die ersten Blicke gab er mir,
Der munt're, kräft'ge Bube.
Er schaute auf die Engelein,
Die gaukeln in der Fenster Schein, -
Dann erst auf seine Mutter.

Und als er traurig schlich am Stab,
Nach manchen schönen Jahren,
Da hat er schon, wie still ein Grab,
In meinem Schoß erfahren.
In jener Ecke saß er da,
Und stumm und händefaltend sah
Er sehnlich auf zum Himmel.

Du selbst, - doch nein, das sag' ich nicht,
Ich will von dir nicht sprechen.
Hat dieses alles kein Gewicht,
Magst du mich niederbrechen.
Das Glück zog mit dem Ahnherrn ein,
Zerstöre du den Tempel sein,
Damit es endlich weiche.

Noch lange Jahre kann ich stehn,
Bin fest genug gegründet,
Und ob sich mit der Stürme Weh'n
Ein Wolkenbruch verbündet,
Kühn rag' ich, wie ein Fels, empor,
Und was ich auch an Schmuck verlor,
Gewann ich's nicht an Würde?

Und hab' ich denn nicht manchen Saal
Und manch geräumig Zimmer?
Und glänzt nicht festlich mein Portal
In alter Pracht noch immer?
Noch jedem hat's in mir behagt,
Kein Glücklicher hat sich beklagt,
Ich sei zu klein gewesen.

Und wenn es einst zum Letzten geht,
Und wenn das warme Leben
In deinen Adern stille steht,
Wird dies dich nicht erheben,
Dort, wo dein Vater sterbend lag,
Wo deiner Mutter Auge brach,
Den letzten Kampf zu streiten?"

Nun schweigt es still, das alte Haus,
Mir aber ist's als schritten
Die toten Väter all' heraus,
Um für das Haus zu bitten;
Und auch in meiner eig'nen Brust,
Wie ruft so manche alte Lust:
Laß stehn das Haus, laß stehen!

Indessen ist der Mauermann
Schon in's Gebälk gestiegen,
Er fängt mit Macht zu brechen an,
Und Stein' und Ziegel fliegen.
"Still, lieber Meister, geh' von hier,
Gern zahle ich den Taglohn dir,
Allein das Haus bleibt stehen."


Das Kind

Die Mutter lag im Totenschrein,
Zum letztenmal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron' im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du, liebe Mutter, gib
Mir eine Blum' aus deinem Strauß,
Ich hab' dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht tut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So tut sie's sicherlich.

Schleicht fort so leis' es immer kann,
Und schließt die Türe sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wach.


Der junge Schiffer

Dort bläht ein Schiff die Segel,
Frisch saust hinein der Wind;
Der Anker wird gelichtet,
Das Steuer flugs gerichtet,
Nun fliegt's hinaus geschwind.

Ein kühner Wasservogel
Kreist grüßend um den Mast,
Die Sonne brennt herunter,
Manch Fischlein, blank und munter,
Umgaukelt keck den Gast.

Wär' gern hinein gesprungen,
Da draußen ist mein Reich!
Ich bin ja jung von Jahren,
Da ist's mir nur ums Fahren,
Wohin? Das gilt mir gleich!