Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803)



Der Wettstreit

Wind und Sonne machten Wette,
Wer die meisten Kräfte hätte,
Einen armen Wandersmann
Seiner Kleider zu berauben.

Wind begann;
Doch sein Schnauben
Tat ihm nichts; der Wandersmann
Zog den Mantel dichter an.

Wind verzweifelt nun und ruht;
Und ein lieber Sonnenschein
Füllt mit holder, sanfter Glut
Wanderers Gebein.

Hüllt er sich nun tiefer ein?
Nein!
Ab wirft er nun sein Gewand,
Und die Sonne überwand. -

Gewalt und Härte macht verdrossen
Und läßt der Menschen Herz verschlossen.
Wo man oft lange widerstand,
Ein gutes Wort leicht Eingang fand.


Die wiedergefundenen Söhne

Was die Schickung schickt, ertrage;
Wer ausharret, wird gekrönt.
Reichlich weiß sie zu vergelten,
Herrlich lohnt sie stillen Sinn.
Tapfer ist der Löwensieger,
Tapfer ist der Weltbezwinger,
Tapfer, wer sich selbst bezwang. -

Placidus, ein edler Feldherr,
Reich an Tugend und Bedienst,
Beistand war er jedem Armen,
Unterdrückten half er auf.
Wie er einst den Feind bezwungen,
Wie er einst das Reich gerettet,
Rettet' er, wer zu ihm floh.

Aber ihn verfolgt das Schicksal:
Armut und der böse Neid.
"Laßt dem Neid uns und der Armut
Still entgehn!" sprach Placidus.
"Auf, laßt uns dem Fleiße dienen!"
Sprach sein Weib und "gute Knaben,
Tapf're Knaben, folget uns!"

Also gingen sie; im Walde
Traf sie eine Räuberschar,
Trennen Vater, Mutter, Kinder,
Lange sucht der Held sie auf.
Placidus! Rief eine Stimme
Ihm im hochbeherzten Busen,
Dulde dich, du findest sie!

Und er kam vor eine Hütte:
"Kehre, Wand'rer, bei mir ein!"
Sprach der Landmann, "du bist traurig;
Auf! und fasse neuen Mut!
Wen das Schicksal drückt, den liebt es,
Wem's entzieht, dem will's vergelten,
Wer die Zeit erharret, siegt."

Und er ward des Mannes Gärtner,
Dient' ihm unerkannt und treu,
Pflegend tief in seinem Herzen
Eine bitt're Frucht, Geduld.
Placidus! Rief eine Stimme
Ihm im tiefbedrängten Busen,
Dulde dich, du findest sie!

So verstrichen Jahr' auf Jahre,
Bis ein wilder Krieg entsprang.
"Wo ist Placidus, mein Feldherr?"
Sprach der Kaiser, - "suchet ihn!"
Und man sucht ihn nicht vergebens,
Denn die Prüfzeit war vorüber,
Und des Schicksals Stunde schlug.

Zween seiner alten Diener
Kamen vor der Hütte Tür,
Sah'n den Gärtner und erkannten
An der Narb' ihn im Gesicht,
An der Narbe, die dem Feldherrn
Statt der Schätze, statt der Lorbeern,
Einzig blieb als Ehrenmal.

Alsobald ward er gerufen;
Es erjauchzt das ganze Heer,
Vor ihm ging der Feinde Schrecken,
Ihm zur Seite Sieg und Ruhm.
Stillen Sinn's nahm er den Palmzweig,
Gab die Lorbeern seinen Treuen,
Seinen Tapfersten im Heer.

Als nach ausgefocht' nem Kriege
Jetzt der Siegestanz begann,
Drängt mit zween seiner Helden
Eine Mutter sich hervor:
"Vater, nimm hier deine Kinder!
Feldherr, sieh hier deine Söhne!
Mich, dein Weib Eugenia!

Wie die Löwin ihre Jungen,
Jagt' ich sie den Räubern ab.
Nachbarlich in dieser Hütte -
Komm und schau! - erzog ich sie.
Glaubte dich und längst verloren,
Deine Söhne, mir statt deiner,
Deiner wert erzog ich sie.

Als die Post erscholl vom Kriege,
Rufend deinen Namen aus,
Auferweckt vom Totentraume,
Rüstet' ich die Jünglinge:
Zieht, verdienet euren Vater!
Streitet unerkannt und werdet,
Werdet eures Vaters wert.

Und ich seh', sie tragen Kränze,
Ehrenkränze, dir zum Ruhm,
Die du unerkannt den Söhnen,
Nicht als Söhnen, zuerkannt.
Vater, nimm jetzt deine Kinder!
Feldherr, sieh hier deine Söhne,
Und dein Weib Eugenia!" -

Was die Schickung schickt, ertrage;
Wer ausharret, wird gekrönt.
Placidus, der stillgesinnte,
Lebet noch in Hymnen jetzt;
Christlich wandt' er seinen Namen:
Seinen Namen nennt die Kirche
Preisend Sankt Eustachius.