Anna Ritter (1865 bis 1921)



Das tiefe Kämmerlein

Es grub der Tod ein Kämmerlein,
Grub's in die Erde tief,
Gar weit von Schmerz und Sonnenschein -
Mein schöner Liebster schlich hinein
Und schlief.

Ich kniee draußen ganz allein
Und klopfe an die Tür:
"Wenn du mich liebst, erbarm' dich mein
Und tritt aus deinem Kämmerlein
Herfür!"

Nichts regte sich! Nur des Käuzchens Schrein
Irrt durch die Luft so hohl!
Ein Schauer rinnt durch mein Gebein -
Wie schwarz die Nacht, wie kalt der Stein ..
"Leb wohl ..."


Die Glocke des Glücks

Viele Glocken hör' ich läuten,
Nun es Abend werden will -
Eine nur will nimmer klingen,
Eine nur ist ewig still.

Tiefe Glocke meines Glückes:
Einmal noch zur Abendzeit
Singe über meinem Hügel
Jenes Lied voll Seligkeit.

Dem ich meine junge Stirne
Lauschend einst empor gewandt,
Da ich noch auf hellen Wegen
Schritt an meines Liebsten Hand.


Einsamer Abend

Im Nachtwind blähn sich leise die Gardinen,
Ein Falter wagt den Todesflug ins Licht
Und büßt den Fürwitz. Mit gelassnen Mienen

Schau ich ihm zu - es ist der Erde nicht,
Den dumpfe Sehnsucht in die Glut getragen,
Und der im Sturz den kecken Nacken bricht!

Vom Rathausturm hör' ich die Uhren schlagen.
Die Töne dringen wuchtig zu mir her,
Als wollte jeder einzelne mir sagen:

"Tu deine Pflicht - du hast nichts Andres mehr.
Ich neige meine Stirn der harten Kunde -
Heut' wird die Last der Einsamkeit mir schwer!

Mein Herz begehrt in dieser dunklen Stunde
Nach einem Herzen, das ihm Heimat wär',
Nach einem Wort aus liebem Menschenmunde!


Erinnerung

Wie wohl zur Abendzeit des Windes Welle
Noch einen Nachhall froher Lieder wiegt,
Und auf des Himmels schon umflorter Schwelle
Der Sonne letzte, rote Rose liegt,
So halte ich im innersten Gemüte
Dein Wesen noch, und meine Seele neigt
Sich still vor der Erinnrung Wunderblüte,
Die dieser Jahre bangem Schoß entsteigt.


Es ist so still ...

Es ist so still, seit du gestorben bist!
So furchtbar still ...
Sonst teilte ich nach deinem Gehen und Kommen
Den Tag mir ein, und jede Stunde hatte
Ihr schönes Amt und ihre liebe Pflicht -
Nun kann ich tun und lassen, was ich will,
Gibt es doch nichts, das Fröhlichkeit bedeute. -
Die mich besuchen, sind mir fremde Leute,
Sie kannten dich und meinen Reichtum nicht,
Sie wissen nicht, was ich mit dir verloren.
Nur aus der Kinder lieblichem Gesicht
Schaut heimlich wohl dein liebes Bild hervor.
Dann träum' ich mich in jene Zeit zurück,
Auf meiner Schwelle steht das alte Glück
Und lacht mich an - bis sich die Schatten dehnen
Und die erträumte Seligkeit versinkt. -
Wer weiß um solche Bitterkeit der Tränen,
Um solche Sehnsucht, die ins Leere winkt!


Fremd geworden

Deinen Hügel umschreiten die Jahre ...
Jedes legt eine Handvoll Staub,
Blühende Rosen und welkes Laub
Mit schweigendem Gruß darauf nieder.
Die Sehnsucht singt ihre Lieder
Allabendlich im Rosenbaum,
Die Stürme gehen hin und wieder -
Du aber schläfst und lächelst im Traum. -

Du wirst mir so fremd in der langen Zeit!
Wohl seh' ich dich noch, doch mein Weg führt weit,
Ach, weit an dir vorüber.
In ewiger Jugend dein Auge erscheint,
Meins aber hat so viel Tränen geweint -
Es sank mir ein Schleier darüber!


Gefaltete Hände

Es hat mich heut nicht schlafen lassen -
Das alte Weh kam über mich,
Daß ich mit heimatlosen Schritten
Mich an des Kindes Bettchen schlich.
Da sank ich hin in dunkler Nacht
Und habe in die weißen Kissen
In wildem Schmerz hinein gebissen .....
Der du so elend mich gemacht,
So viele Fäden mir zerrissen,
So viele Wege mir verstellt -
Du wirst, o Herr, die Gründe wissen!
Du lenkst die weite, große Welt
Nach ewig gültigen Gesetzen,
Du wirst dies arme Frauenherz
Nicht planlos, ziellos durch den Schmerz,
Durch Elend und Verzweiflung hetzen!
Wenn ich in Liebe um den Einen
Den Himmel, Herr, und dich vergaß,
Zu viel des Glückes mich vermaß
Und nicht genug zu dir gefleht -
Ist nicht auch L i e b e ein Gebet,
Vielleicht das heiligste der Erde?
Suchst du im S t a u b e nur die Deinen,
Muß erst am Grabe ihres Glücks
Die arme Menschenseele weinen,
Auf daß sie deiner würdig werde
Und in Verklärung aufersteht?


Heimweg

Wie schön das war, wenn wir am späten Tag
Durch die besonnten Felder heimwärts gingen,
Müd' und bestaubt, und doch des Weges froh;
Wenn rings die Heimchen an zu zirpen fingen,
Und durch das Korn ein heimlich Flüstern zog,
Wie ein verfrühtes, ahnungsvolles Schauern
Von Tod und Ernte. Düster hob die Stadt
Mit ihren alten, festgefügten Mauern
Sich von dem klaren Abendhimmel ab,
Die Glockenklänge riefen uns wie Grüße,
Denn jeder Schritt der wandermüden Füße,
Er trug uns näher an ein lieblich Ziel. -
Die ersten Häuser! An den Fensterscheiben
Bekannte Mienen, hinter Tor und Tür
Der Kinder lautes, ausgelassnes Treiben ...
Die Nachbarn traten hier und dort herfür
Mit Gruß und Handschlag, daß wir froh empfanden,
Wie tausend Fäden aus dem engen Kreis
Des eigenen Geschicks ins Weite liefen
Und uns dem Leben Anderer verbanden.

Das liegt nun Alles wie ein Traum zurück -
Ein schönes Bild, begraben mit den andern,
Und wollt' ich h e u t' den Weg noch einmal gehen,
Ich müßt' ihn einsam und in Tränen wandern!


Ich träumte heut' ...

Ich träumte heut':
Des Todes steinern Tor
Gab dich heraus! Auf der verfehmten Schwelle
Empfing ich dich, und um uns beide floß
Ein letztes Mal die goldne Sonnenhelle.
Und wie der Strom im Lenz sie Sehnen strafft,
Von Sklavenketten, die er lang getragen,
Sich zu befrein, so schwoll die Leidenschaft
In mir empor; und tausend stumme Klagen
Und all die Not der langen Einsamkeit
Gab ich dir hin, in seligem Verlangen,
Der Liebe Trost dagegen zu empfangen. -
Ich wartete ...

Gewiß, ich drängte nicht!
An deinem Herzen barg ich mein Gesicht,
Und alle Angst war von mir fortgenommen:
Das Süße, Heilige - nun sollt' es kommen! -
Ich wartete ...

Gespenstisch wuchs die Zeit!
Zu Ewigkeiten dehnte die Sekunde
Sich tückisch hin, doch deinem blassen Munde
Entsank kein Wort; verschossen blieb dein Ohr!

Und wie in einer Erdennacht voll Leiden
Die Sterne unbewegt am Himmel stehn
In kalter Pracht, so sah ich deine beiden
Geliebten Augen in mein Elend sehn.

Da wußt' ichs wieder, daß ich dich verlor,
Und daß der Mund, der mich so oft geküßt
In sel'gen Nächten - k a l t geworden ist!


Im herbstlichen Wald

Der Herbstwind peitscht verirrten Glockenklang
In böser Luft den Waldessaum entlang,
Bis seine Seufzer todesmüd' verschweben.
Stumm liegt der Wald. - Kein heller Vogelsang
Umgirrt die Stämme mehr, die ernst und bang
Hinauf zum sonnenlosen Himmel streben. -
Das Buchwerk hält mit knorrigem Geäst
Des letzten Jahres tote Blätter fest,
Und streicht ein Windhauch wimmernd drüber her,
So sieht es aus, als ob ein zuckend Leben
In jenen Resten noch gefangen wär'!
Sie bäumen sich, sie suchen sich zu heben,
Und sinken wieder ... qualvoll ... todesschwer.

Ihr öden Hallen, einst des Frohsinns Haus,
Und nun so still - ich komm', euch zu besuchen,
Es wuchs mein G l ü c k im Schatten dieser Buchen
Und mit den Liedern zog es jüngst hinaus!
Auf diesen Wegen, die das Sommerlaub
Dem frechen Blick der Neugier keusch versteckt,
Ging meine Liebe hin!

Nun liegt im Staub,
Was sie behütet! Keine Sehnsucht weckt
Ihr Lachen mehr ...

O du verlassner Wald
Verlassnes Herz: getrost, nun kommt er bald,
Der weiße Tod, der eure Not bedeckt
Mit tiefem Schweigen!