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Gedichte von Friedrich Rückert ( 1788 bis 1866
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Das Kamel
Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt' ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing scheu zu werden,
Und tät so ganz entsetzlich schnaufen;
Der Führer von ihm mußt' entlaufen.
Er lief, und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Weg' er da.
Das Tier hört' er im Rücken schnauben,
Das mußt' ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch;
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus dem geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann tät fest sich klammern. -
Er blickte in die Höh' und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah,
Das ihn wollt oben fassen wieder.
Dann blickt er in den Brunnen nieder,
Da sah am Grund er einen Drachen,
Aufgähnen mit gesperrten Rachen,
Der unten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunter fallen sollte. -
So schwebend in der beiden Mitte,
Da sah der Arme noch das dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar:
Schwarz eine, weiß die andre war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd' ab von der Wurzel spülten,
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach' im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann, in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt' er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut,
Und nicht den Drachen in der Flut,
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer' in's Auge fiel, -
Er ließ das Tier von oben lauschen,
Und unter sich den Drachen rauschen,
Und neben sich die Mäuse nagen, -
Griff nach dem Beerlein mit Behagen,
Sie deuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen. -
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Du fragst, wer ist der töricht' Mann,
Der so die Furcht vergessen kann?
So will', o Freund, der Mann bist du!
Vernimm die Deutung auch dazu.
Es ist der Drach' im Brunnengrund
Des Todes aufgesperrter Schlund,
Und das Kamel, das oben droht,
Es ist des Lebens Angst und Not.
Du bist's der zwischen Tod und Leben
Am grünen Strauch der Welt muß schweben.
Die beiden, so die Wurzeln nagen,
Dich samt den Zweigen, die dich tragen,
Zu liefern in des Todes Macht,
Die Mäuse, heißen Tag und Nacht.
Es nagt die schwarze, wohl verborgen,
Vom Abend heimlich bis zum Morgen;
Es nagt vom Morgen bis zum Abend
Die weiße wurzeluntergrabend.
Und zwischen diesem Graus und Wust
Lockt dich die Beere "Sinnenlust,"
Daß du Kamel: die Lebensnot,
Daß du im Grund den Drachen: Tod,
Daß du die Mäuse: Tag und Nacht,
Vergissest, und auf nichts hast acht,
Als das du recht viel Beerlein haschest,
Aus Grabes Brunnenritzen naschest. -
von Friedrich Rückert
Friedrich Rückert
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