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Gedichte von Gustav Schwab ( 1792 bis 1850 )





Johannes Kant

Den kategorischen Imperativus fand,
Das weiß ein jedes Kind, Immanuel Kant.
Dem kategorischen Imperativus treu,
Zwang durch ihn wilde Seelen zu frommer Scheu
Lang' vor Immanuel Herr Johannes Kant,
Und wenige wissen's, wie die Sache bewandt.

Derselb' ein Doktor Theologie war.
In schwarzer Kutte, mit langem Bart und Haar,
So saß er in Krakau auf dem Lehrersitz,
So ging er einher gegürtet, in Kält' und Hitz',
Ein rein Gemüt, ein immer gleicher Sinn,
Dem Unrecht dulden, nicht tun, stets däuchte Gewinn.
Im grauen Alter zog ein Sehnen den Kant
Gen Schlesien, in sein altes Vaterland.
Er schloß die Bücher in'n Schrein, bestellt' sein Haus,
Den Seckel nahm er und zog in die Fern' hinaus.
Gemächlich ritt in der schweren, schwarzen Tracht
Der Doktor durch der polnischen Wälder Nacht,
Doch in der Seele, da wohnt' ihm lichter Schein,
Die gold'nen Sprüche zogen aus und ein,
In's Herz schoß Strahlen ihm das göttliche Wort,
Voll innern Sonnenlichtes, so ritt er fort.
Auch merkt er nicht, wie das Tier in finst'rer Schlucht
Den Weg durch Abenddunkel und Dickicht sucht,
Er hört nicht vor und hinten sich Tritt und Trott,
Er ist noch immer allein mit seinem Gott.
Da wimmel's plötzlich um ihn zu Roß, zu Fuß,
Da flucht in's Ohr ihm der Wegelagerer Gruß;
Es stürmen auf den heiligen Mann sie ein,
Es blinken Messer und Schwert im Mondenschein.
Er weiß nicht, wie ihm geschieht, er steigt vom Roß,
Und eh' sie's fordern, teilt er sein Gut dem Troß.
Den vollen Reisebeutel streckt er dar,
Darin bei'm Groschen manch' blanker Taler war,
Vom Halse löst er ab die güldene Kett',
Er reißt die schmucken Borden vom Barett,
Den Ring vom Finger und aus der Tasche zieht
Das Meßbuch er mit Silberbeschläg' und Niet';
Daß sie das Pferd abführen mit Sattel und Zaum,
Der arm' erschrock'ne Mann, er sieht er kaum;
Erst, wie er alles Schmuckes und Gutes bar,
Da fleht er um sein Leben zu der Schar.
Der bärtige Hauptmann faßt ihn an der Brust
Und schüttelt ihn mit derber Räuberlust.

"Gabst du auch alles?" brüllt's um ihn und murrt,
"Tägst nichts versteckt in Stiefel oder Gurt?"
Die Todesangst schwört aus dem Doktor: "Nein!"
Und aber "Nein!" Es zittert ihm Fleisch und Bein.
Da stoßen sie ihn fort in den schwarzen Wald;
Er eilt, als wär' er zu Roß noch, ohne Halt;
Doch fährt die Hand im Geh'n ihm wie im Traum
Hinab an der langen Kutte vorderm Saum,
Mit Angst fühlt sie herum an allem Wulst,
Und endlich findet sie da die rechte Schwulst,
Wo eingenäht, geborgen und unentdeckt,
Der güldene Sparpfennig sich versteckt.

Nun will dem Mann er werden so sanft und leicht:
Mit all' dem Gold er die Heimat wohl erreicht,
Er mag mit Gottes Hilfe vom Schrecken ruhn,
Mit Freunden und Vettern sich recht gütlich tun.-

Da stand er plötzlich still, denn in ihm rief
Mit lauter Stimme der heilige Imp'rativ:
"Lüg' nicht! Lüg' nicht! Du hast gelogen, Kant!"
Das einzige Wort ihm auf der Seele brannt',
Vergessen ward der Heimat fröhlicher Lust,
Er war allein der Lüge sich bewußt.

Und schneller, als ihn getrieben der Freiheit Glück,
Trieb ihn der Sünde Pein nun zurück, zurück.
Schon winkt von ferne der unglücksel'ge Platz,
Die Räuber teilen dort noch immer den Schatz;
Am Mondlicht prüfen sie sich das Allerlei,
Die Pferde weiden zwischen den Büschen frei.

Und wie sie lagern im Gras und tauschen, tritt
In ihre Mitte der Kant mit hastigem Schritt.
Er stellt demütig sich vor die Räuber hin
Und spricht: "O wisset, daß ich ein Lügner bin!
Doch log der Schrecken aus mir, darum verzeiht!"
Mit diesen Worten riß er den Saum vom Kleid,
In hohler Hand bot er ein Häuflein Gold,
Darüber des Mondscheins blinkende Welle rollt;
Weil keiner zugreift, bittet er ganz beschämt:
"Das hab' ich böslich vor euch verleugnet, nehmt!"

Den Räubern aber wird's wunderlich im Kopf;
Sie möchten lachen und spotten ob dem Tropf,
Und ihre Lippen findet doch keinen Laut,
Und ihr vertrocknetes, starres Auge taut.
Und in dem bleiernen Schlummer, den er schlief,
Regt sich in ihnen plötzlich der Imp'rativ,
Der wunderbare, das heil'ge Gebot: "Du sollst -
Du sollst nicht stehlen!" - Und vor der Hand voll Gold
Aufspringen sie, dann werfen sich all' auf's Knie,
Ein tiefes Schweigen waltet; denn Gott ist hie.

Jetzt aber regt sich emsig die ganze Schar:
Der reicht den Beutel und der die Kette dar,
Ein dritter bringt das Pferd gesattelt, gerüst't,
Das Me?buch reicht der Hauptmann - er hat's geküßt.
Dann helfen sie ihm zu Roß mit willigem Dienst,
Nichts bleibt zurück von dem neuen Räubergewinnst,
Ja, mußte Herr Kant nur sein auf seiner Hut,
Daß sie ihm nicht auch schenken gestohlen Gut.

Er scheidet, er teilt den Segen aus vom Pferd,
Wünscht ihnen gründliche Reu', die sich bekehrt.
Nur dacht' er traurig, als um die Eck' er bog:
"Ihr armen Schelmen, ihr stehlet - und ich log:
Doch als er kam zum finstern Wald hinaus,
Da war verschwunden der Sünde ganzer Graus.
Da stand der Morgenhimmel in rother Glut,
Da ward dem frommen Wanderer froh zu Mut.
"Dein Wille gescheh' im Himmel und auf Erd'!"
So betet der Kant und gibt die Sporen dem Pferd.

von Gustav Schwab



Gustav Schwab










Die Gedichte dieser Textsammlung wurden von uns aus antiquarischen Büchern entnommen.

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