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Gedichte von Julius Sturm ( 1816 bis 1896 )





Die junge Mutter

Der Knabe weint, die Mutter legt
Den holden Liebling auf die Kissen;
Doch er, vom Weinen aufgeregt,
Will nichts von Rast und Schlummer wissen.

Da singt die Mutter Lied um Lied,
Und immer süßer wird die Weise,
Und um das kleine Bettchen zieht
Der Schlummer seine Zauberkreise.

Und wie die Weise sanft verklingt,
Wird immer leiser auch das Weinen,
Bis am geschloss'nen Auge blinkt
Die stumme Träne nur den Kleinen.

Bald spiegelt auch ein lichter Traum
Sich in den klaren Zügen wieder,
Die Mutter aber atmet kaum
Und beugt sich zu dem Liebling nieder;

Mit scheuem Finger hüllt sie dicht
Den Schläfer in die warmen Decken,
Sie möchte' ihn küssen, wagt es nicht
Aus Furcht, ihn mit dem Kuß zu wecken.

Sie blickt ihn lange selig an,
Und geht dann fort und kehret wieder,
Und tut, was sie nicht lassen kann,
Und neigt sich küssend zu ihm nieder;

Und sinkt, von Dankgefühl durchweht,
Auf ihre Knie am kleinen Bette,
Und spricht ein inniges Gebet,
Und sucht dann selbst die Schlummerstätte.

von Julius Sturm



Julius Sturm










Die Gedichte dieser Textsammlung wurden von uns aus antiquarischen Büchern entnommen.

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